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Rimbach Coaching
Selbstverständnis

Hochsensibilität — gefühlt zu viel, gesehen zu wenig

Was Hochsensibilität wirklich ist, wie man sie von Burnout, Trauma und ADHS unterscheidet — und warum das Konzept dich befreien statt einsperren sollte.

Cynthia Rimbach9 Min. Lesezeit

Es gibt Begriffe, die Menschen entlasten, sobald sie sie zum ersten Mal hören. „Hochsensibilität“ ist so einer. Klient:innen sitzen mir gegenüber und sagen: Endlich ein Wort dafür. Für das, was sie ihr ganzes Leben lang gespürt haben — dass sie Räume, Stimmungen, Untertöne stärker wahrnehmen als andere. Dass sie nach einem normalen Tag erschöpft sind, während ihre Partner gerade erst warm laufen. Dass Kritik bei ihnen länger nachhallt.

Und es gibt Begriffe, die Menschen einsperren, sobald sie sie zur Selbstdiagnose verwenden. „Hochsensibilität“ ist auch das. Wenn jeder Konflikt, jede Erschöpfung, jede Selbstzweifel-Episode unter dem Etikett HSP abgelegt wird, hört das Hinhören auf, bevor es richtig anfängt.

Dieser Beitrag ist mein Versuch, das Konzept differenziert einzuordnen. Was es leistet, wo es an seine Grenzen stößt, und wie du sinnvoll damit umgehen kannst.

Was Hochsensibilität tatsächlich ist

Hochsensibilität (Sensory Processing Sensitivity, kurz SPS) wurde in den 1990ern von der amerikanischen Psychologin Elaine Aron geprägt. Aron beschreibt damit ein Persönlichkeitsmerkmal, kein Krankheitsbild. Etwa 15 — 20 % der Bevölkerung gelten als hochsensibel — also statistisch jede:r fünfte.

Das Konzept stützt sich auf vier Kernmerkmale (Aron’s „DOES“):

  • Depth of processing — Reize werden tiefer und länger verarbeitet, oft unbewusst.
  • Overstimulation — schneller erreichte Reizgrenze in Kontexten, die andere noch entspannt finden.
  • Emotional reactivity & empathy — stärkeres Mitschwingen mit Stimmungen anderer.
  • Sensitivity to subtle stimuli — feinere Wahrnehmung kleiner Details (Geräusche, Lichter, Hauttextur, Stimmungen).

Was Hochsensibilität nicht ist

Hier wird es wichtig. Mehrere Zustände werden in der Selbstdiagnose regelmäßig mit Hochsensibilität verwechselt:

Burnout-Erschöpfung

Wer monatelang über die eigene Leistungsgrenze gelebt hat, reagiert plötzlich auf Reize, mit denen er früher problemlos umging. Das fühlt sich an wie HSP, ist aber Erschöpfung. Wenn die Reizempfindlichkeit erst kürzlich zugenommen hat, ist HSP unwahrscheinlich.

Trauma-Aktivierung

Hyperarousal — der Zustand erhöhter Wachsamkeit nach Trauma — sieht oberflächlich ähnlich aus. Trigger lösen Körperreaktionen aus, die Schwelle zur Überforderung ist niedrig. Hier wirkt EMDR oder traumasensible Begleitung — das Konzept HSP kann den Blick davon ablenken.

ADHS

Aufmerksamkeitsregulation ist bei ADHS gestört, was zu schneller Reizüberflutung führt. Auch hier hilft die Diagnose mehr als das HSP-Etikett.

Soziale Angst

Vermeidung von Menschenmengen kann HSP, kann Angst, kann Depression sein. Die Frage ist nicht, was es ist, sondern: was hilft dir konkret?

Warum die Unterscheidung zählt

Wenn du hochsensibel bist: Selbstfürsorge-Strategien, Reizmanagement, Tagesrhythmus. Keine Therapie nötig.

Wenn du ausgebrannt bist: Pause, Therapie, Strukturveränderung.

Wenn du traumatisiert bist: spezifische Trauma-Arbeit (EMDR, Somatic Experiencing).

„Hochsensibilität“ als Selbstetikett kann zur Falle werden, wenn es Symptome erklärt, die eigentlich behandelt werden müssten.

Was wirklich hilft, wenn du hochsensibel bist

In der Praxis arbeiten wir an drei Ebenen:

1. Reizmanagement

Konkrete Strategien für den Alltag: Pufferzonen zwischen Terminen, bewusste Reizpausen, früheres Erkennen der eigenen Reizgrenze. Headphones in der Bahn sind kein Luxus, sondern Werkzeug.

2. Selbstwert-Arbeit

Viele Hochsensible haben in Kindheit und Schule die Botschaft bekommen, sie seien „zu sensibel“, „kompliziert“, „dünnhäutig“. Diese Glaubenssätze müssen revidiert werden, sonst wird das Merkmal selbst zur Quelle der Beschämung.

3. Beziehungsarbeit

In Partnerschaften und Familien führt Hochsensibilität oft zu Kommunikationsmustern, die niemandem nutzen. Klare Sprache über eigene Bedürfnisse — ohne Entschuldigung — verändert das.

Wenn du dich fragst, ob du hochsensibel bist

Es gibt validierte Selbsttests (Aron’s HSP-Skala) — sie sind aber keine Diagnose. Wenn du unsicher bist, nimm das Thema in ein Vorgespräch mit. In einem unverbindlichen Kennenlerngespräch lässt sich klären, ob HSP der zentrale Hebel ist oder ob etwas anderes mehr Aufmerksamkeit braucht.

Was bleibt: Hochsensibel zu sein ist nicht weniger und nicht mehr als ein Persönlichkeitsmerkmal. Es ist nicht deine Identität, aber auch nicht dein Problem. Es ist eine Eigenschaft, mit der man leben — und oft sehr gut leben — kann.

Cynthia Rimbach
Cynthia Rimbach
Heilpraktikerin für Psychotherapie
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